Die Nächte der Cabiria

Jahr: 
1957
Film: 
Schwarz-weiß
Länge: 
110 min
Produktion: 
Dino De Laurentiis (Roma), Les Films Marceau (Paris)
Vertrieb: 
Paramount
Altersfreigabe: 
23742
15/03/1957

Die unschuldige und wehrlose Cabiria ist eine Prostituierte, die ein unglückliches Leben führt: nachdem sie riskiert hat, von einem Freund wegen ihres Geldes umgebracht zu werden, wird sie von einem berühmten Schauspieler an der Nase herumgeführt und sogar die anderen Straßenmädchen machen sich hinter ihrem Rücken über sie lustig. Entmutigt pilgert sie zum Wallfahrtsort der Göttlichen Liebe. Vom Pathos einer religiösen Zeremonie ergriffen, betet sie, dass ein Wunder ihr Leben verändern möge. Es scheint, als würde sich ihr Wunsch erfüllen: nachdem ein Hellseher ihr eine rosige Zukunft voraussagt, lernt  Cabiria Oscar kennen, der ihr seine Liebe gesteht. Sie erwidert seine Gefühle und vertraut ihm ihre Ersparnisse an. Doch Oscar ist nur an ihrem Geld interessiert und versucht sogar sie zu töten. Cabiria gelingt es erneut, der Gefahr zu entkommen, es wird ihr bewusst, dass ihr Leben durch ihre Naivität kompliziert wird. Verzweifelt irrt sie nachts  durch einen Wald, wo sie eine Gesellschaft junger und fröhlicher Menschen trifft. Und Cabiria findet ihr Lächeln wieder, sie hört auf zu weinen und ist bereit, ihren Weg wieder aufzunehmen.

Crew

Regie: Federico Fellini
Idee: Federico Fellini, Ennio Flaiano, Tullio Pinelli (da un'idea di Federico Fellini)
Drehbuch: Federico Fellini, Ennio Flaiano, Tullio Pinelli
Mitarbeit an den Dialogen: Pier Paolo Pasolini
Artistischer Berater: Brunello Rondi
Bildregie: Aldo Tonti
Musik: Nino Rota
Musikalische Beratung: Franco Ferrara
Dekor: Piero Gherardi
Kostüme: Piero Gherardi
Schnitt: Leo Catozzo
Cutter-Assistent: Adriana Olasio
Ton: Roy Mangano
Hilfregisseure: Moraldo Rossi, Dominique Delouche
Produktionssekretäre: Narciso Vicario
Maske: Eligio Trani
Produktionsleitung: Luigi De Laurentiis

Cast

Giulietta Masina : Cabiria
Amedeo Nazzari : Alberto Lazzari
François Périer : Oscar D'Onofrio
Franca Marzi : Wanda
Ennio Girolami : un "magnaccia"
Dorian Gray : Jessy
Aldo Silvani : l'illusionista
Mario Passante : lo zoppo
Pina Gualandi : Matilda
Polidor : il frate
Christian Tassou : Luccicotto
Maria Luisa Rolando : amica di Cabiria
Amedeo Girard : Davide, il maggiordomo di Lazzari
Loretta Capitoli : una prostituta
Franco Balducci : ipnotizzato dall'illusionista
Ciccio Barbi : ipnotizzato dall'illusionista
Nino Milano : ipnotizzato dall'illusionista
Leo Catozzo : l'uomo col sacco

Awards

1957
Oskar Bester ausländischer Film
1957
Nastro d’argento Beste Regie (Federico Fellini), Beste Produktion (Dino De Laurentiis), Beste Darstellerin (Giulietta Masina)
1956-1957
David di Donatello Beste Regie (Federico Fellini), Bester Produzent (Dino De Laurentiis)
1957
Festival de Cannes: Beste Darstellerin (Giulietta Masina)
1957
OCIC Prämie - Sondererwähnung

Peculiarites

«Die Zensur hatte den Film verboten, ich wollte die Zerstörung der Negativbilder verhindern. Indem ich den Rat eines intelligenten und vielleicht ein wenig zu unvoreingenommenen Freundes, Jesuitenpater Arpa, befolgte, begab ich mich nach Genua zu einem berühmten Kardinal, der als einer der Papstanwärter angesehen wurde und vielleicht auch deshalb sehr mächtig war, um ihn darum zu bitten, sich den Film anzusehen. In der Mitte eines winzigen, direkt hinter dem Hafen gelegenen Kinosaals hatte er einen am Vortag von einem Antiquitätenhändler gekauften Sessel stellen lassen, eine Art Thron mit einem großen roten Kissen und goldfarbigen Fransen. Der Kardinal kam eine halbe Stunde nach Mitternacht in seinem schwarzen Mercedes an. Ich erhielt nicht die Erlaubnis in dem Saal zu bleiben und ich weiß nicht, ob der hohe Prälat wirklich den ganzen Film sah, oder ob er schlief; wahrscheinlich weckte ihn Pater Arpa in den richtigen Momenten auf, jene mit Prozessionen oder heiligen Bildern. Was feststeht ist, dass er am Ende sagte: ‘Arme Cabiria, wir müssen etwas für sie tun!’. Ich glaube, dafür hat er nur einen einfachen Anruf machen müssen. Einig klagten mich öffentlich an, ich sei eine Art Richelieu, der statt im Tageslicht zu kämpfen, hinter den Kulissen Ränke schmiede; zum Glück hatte man damals noch die Möglichkeit, in polemischen Diskussionen dieser Art Zeit zu verschwenden. Auf jeden Fall war der Film gerettet. Jedoch zu einer äußerst merkwürdigen Bedingung, die mir der Kardinal auferlegt hatte: die Szene des Mannes mit dem Sack sollte herausgeschnitten werden. [...] Zu dieser Episode war ich von einer außerordentlichen Person inspiriert worden, mit der ich zwei oder drei Nächte in Rom unterwegs war: eine Art Philanthrop, mit einem magischen Einschlag, der sich infolge einer Vision einer besonderen Mission widmete: er erreichte die Enterbten in den seltsamsten Stellen der Stadt und vereilte an sie Lebensmittel und Kleider, die er in einem Sack beförderte. Und das tagtäglich. Mit ihm habe ich Märchenhaftes gesehen. Beim Anheben der Gitter bestimmter Gullys, wo man sich vorstellte, dass dort nichts anderes als Schlamm und Mäuse seien, fand man eine schlafende, kleine Alte. In den Gängen eines prunkvollen Palastes in Via del Corso, wo jetzt der Sitz der Sozialistischen Partei ist, gab es Vagabunden, die dort bis fünf Uhr morgens schliefen und heimlich von dem Nachtwächter hereingelassen wurden. Der Mann mit dem Sack kannte all diese Stellen: dem einen machte er eine Spritze, dem anderen gab er etwas zu essen. Im Film hatte ich mir vorgestellt, dass Cabiria ihn auf der Antiken Appia treffen sollte, während sie im Morgengauen nach Hause zurückkehrte und darüber klagte, dass ein schurkenhafter Kunde sie nicht bezahlt hatte. Sie sah, wie der Mann mit dem Sack aus einem kleinen Auto stieg und in Richtung der Tuffsteingruben ging, am Rande einer Art großen Schlucht stehen blieb und den Namen einer Frau rief; aus einer verdreckten Felsplatte kam dann eine alte Hure, die Cabiria als die Atombombe kannte und die mittlerweile so heruntergekommen war, dass sie wie die Ratten hauste. Cabiria nahm das Angebot des Mannes in seinem Wagen heimzufahren an und war sehr von dessen Erzählungen beeindruckt. Es handelte sich um eine sehr ergreifende kurze Sequenz, die ich jedoch herausschneiden musste. Offensichtlich wurde es in gewissen katholischen Kreisen nicht geschätzt, dass der Film einen Philantrophen ehrte, der ganz und gar außergewöhnlich und von kirchlichen Meditationen befreit war. Und ist es nicht lächerlich, dass der Bürgermeister von Rom als die Cabiria herauskam, protestierte, weil ich die Straßenmädchen an einer Stelle positioniert hatte - die „Passeggiata Archeologica“ – wo er alle Anstrengungen unternommen hatte, um sie würdig für die Hauptstadt zu machen?»
Federico Fellini, Intervista sul cinema, a cura di Giovanni Grazzini, Laterza, Roma-Bari, 1983, pp. 102-103

Reviews

Lino Del Fra
Durch sein geordnetes Gleichgewicht stellt der Film “Die Nächte der Cabiria” das Ergebnis eines sicheren Gefühls für die Gestalt und der mittlerweile raffinierten Beherrschung der technischen Mittel dar und ist das reifste und klarste Werk des Regisseurs, untermauert von poetischer Transparenz und einer sicheren Hand für Spektakuläres. Nur wenige der Sequenzen können in Frage gestellt werden.
"Bianco e Nero", a. XVIII, n. 6, giugno 1957
Pietro Bianchi
Die poetische, mondhafte Figur [Cabiria] konnte nur von einem Filmemacher und Regisseur wie Fellini zum Ausdruck gebracht werden, denn nur ein Künstler konnte, wie es hier geschehen ist, die zweifache Gefahr des dichterischen Ausdrucks vermeiden, jene die die Gestalt verfälscht hätte und jene der vulgären Realität, durch die sie unerträglich geworden wäre.
"Il Giorno", 12 maggio 1957
Morando Morandini
Es scheint uns nicht korrekt, den Film der Bruchstückhaftigkeit anzuklagen, das ist vielleicht der unmittelbare Eindruck, aber man darf sich nicht täuschen lassen. Trotz seiner episodenhaften Struktur ist der narrative Rahmen rigoros und harmonisch, vergleichbar mit einer Symphonie, wo die verschiedenen Zeiten (die Episoden) sich aneinanderreihen, voneinander getrennt und doch komplementär sind, wobei alle durch Analogie oder Gegensatz in die immer tiefer greifende Definition der Hauptgestalt und ihres Schicksals einfließen.
"La Notte", 10 ottobre 1957
André Bazin
Man hat sich in Bezug auf “Das Lied der Straße” oft auf Chaplin berufen, ich bin jedoch nie sehr überzeugt von diesem sehr forcierten Vergleich zwischen Gelsomina und Charlot gewesen. Der beste Bildausschnitt ist nicht nur eines Chaplin würdig, sondern steht auf der Ebene seiner besten Einfälle, es handelt sich um die letzte Szene der Nächte der Cabiria, als Giulietta Masina sich zur Filmkamera umdreht und ihr Blick den unseren kreuzt. Ich finde sie ist in der Kinogeschichte einzigartig; Chaplin hat es verstanden diese Gestik, die alle Kinolehren verurteilt, systematisch einzusetzen. Und es wäre zweifelsohne fehl am Platz, wenn Cabiria, indem sie uns fest in die Augen blickt, sich wie eine Wahrheitsbotin an uns wände. Doch liegt der eigentliche Zweck dieses Geistesblitzes des Regisseurs, der mir wie ein Genie vorkommt, darin, dass der Blick von Cabiria viele Male über das Kameraobjektiv streift, ohne es je genau zu fixieren. Die Lichter erleuchten über dieser herrlichen Zweideutigkeit. Cabiria ist sicherlich noch die Hauptdarstellerin der Geschehnisse, die sie, hinter der Maske der Leinwand, vor unseren Augen erlebt hat. Sie ist jedoch nun auch eine Person, die uns mit ihrem Blick auffordert, sie auf dem Weg, den sie wieder aufgenommen hat, zu begleiten. Eine schamhafte, diskrete Aufforderung, die unsicher genug ist, uns die Gelegenheit zu bieten zu tun, als gelte sie jemand anderem, die ebenfalls ausreichend sicher und direkt ist, um uns aus der Haltung des bloßen Zuschauers zu reißen.
"Cahiers du Cinéma", n. 76, novembre 1957