Amarcord

Jahr: 
1973
Film: 
Farbfilm
Länge: 
127 min
Produktion: 
F.C. Produzioni (Roma), P.E.C.F. (Paris)
Vertrieb: 
Dear International
Altersfreigabe: 
63699
15/12/1973

In den 30er Jahren wächst der Jugendliche Titta in Rimini zwischen katholischer Erziehung und faschistischer Rhetorik auf.  Sein Vater, Aurelio, ist ein anarchischer und antifaschistischer Maurermeister: neben seinen beiden Kindern, der Ehefrau und dem noch ziemlich rüstigen alten Vater lebt auch sein Schwager, ein Aufschneider und Taugenichts, Onkel "Pataca" auf seine Kosten. Sein Bruder Teo ist wiederum in einer psychiatrischen Anstalt interniert. Das Städtchen ist von einzigartigen Figuren bevölkert, wie Volpina die Nymphomanin, Giudizio der Verrückte, Biscein der Prahler, der sich leicht der Rhetorik hingebende Rechtsanwalt, der exhibitionistische Motorradfahrer, der blinde Akkordeonspieler.  Titta besucht das städtische Gymnasium, wo Abfragungen sich mit Streichen abwechseln, die den Lehrern und Klassenkameraden gespielt werden. Sein erotisch-sentimentales Leben verläuft zwischen der unerreichbaren Gradisca, dem großen Busen der Tabakwarenhändlerin und den hinter Hecken beobachteten sommerlichen Tanzfesten im Grand Hotel. Mit der Kleinstadt teilt er das Wechselspiel der Jahreszeiten, mit Feuerwerken zur Feier des Frühjahrbeginns und Veranstaltungen, wie die Durchfahrt der  Mille Miglia und die Überfahrt des Überseedampfers Rex, den Besuch des faschistischen Parteifunktionärs und einen starken Schneefall. Der Tod der Mutter und die Heirat von Gradisca sind Vorboten für das Ende seiner Jugend.

Crew

Regie: Federico Fellini
Idee: Federico Fellini, Tonino Guerra, da un'idea di Federico Fellini
Drehbuch: Federico Fellini, Tonino Guerra
Bildregie: Giuseppe Rotunno
Kamera: Giuseppe Maccari
Kamera-Assistent: Massimo Di Venanzo, Roberto Aristarco
Musik: Nino Rota
Musikalische Beratung: Carlo Savina
Idee Dekor: Federico Fellini
Dekor: Danilo Donati
Kostüme: Danilo Donati
Architekt: Giorgio Giovannini
Mitarbeiter Bauten: Antonello Geleng, Massimo Geleng
Kostümbildner-Assistent: Rita Giacchero, Aldo Giuliani
Schnitt: Ruggero Mastroianni
Cutter-Assistent: Adriana Olasio
Ton: Oscar De Arcangelis
Continuity: Norma Giacchero
Hilfregisseure: Maurizio Mein
Regieassistenten: Liliana Betti, Gerald Morin, Mario Garriba
Maske: Rino Carboni
Spezialeffekte: Adriano Pischiutta
Frisuren: Amalia Paoletti
Ausstattung: Andrea Fantacci
Bühnenbild-Maler: Italo Tomassi
Produzent: Franco Cristaldi
Produktionsleitung: Lamberto Pippia
Produktionsinspektor: Alessandro Gori, Gilberto Scarpellini

Cast

Bruno Zanin : Titta
Pupella Maggio : Miranda la madre di Titta
Armando Brancia : Aurelio il padre di Titta
Stefano Proietti : Oliva il fratello di Titta
Giuseppe Lanigro : il nonno di Titta
Nandino Orfei : il "pataca" zio di Titta
Ciccio Ingrassia : Teo lo zio matto
Carla Mora : Gina la cameriera
Magali Noël : la Gradisca
Luigi Rossi : l'avvocato
Maria Antonella Beluzzi : la tabaccaia
Josiane Tanzilli : la "Volpina"
Domenico Pertica : il cieco di Cantarel
Antonino Faà di Bruno : il Conte di Lovignano
Carmela Eusepi : la figlia il Conte di Lovignano
Gennaro Ombra : Biscein
Gianfilippo Carcano : Don Balosa
Francesco Maselli : Bongioanni il professore di scienze
Dina Adorni : signorina De Leonardis la professoressa di matematica
Francesco Vona : Candela
Bruno Lenzi : Gigliozzi
Lino Patruno : Bobo
Armando Villella : Fighetta il professore di greco
Francesco Magno : il preside Zeus
Gianfranco Marrocco : il ragazzo Conte Portavo
Fausto Signoretti : il vetturino Madonna
Donatella Gambini : Aldina Cordini
Fides Stagni : la professoressa di belle arti
Fredo Pistoni : Colonia
Marcello Di Falco : il Principe
Bruno Scagnetti : Ovo
Alvaro Vitali : Naso
Ferdinando De Felice : Cicco

Awards

1974
Oskar – bester ausländischer Film
1974
Nastro d'argento für die beste Regie (Federico Fellini), bestes Original- Sujet (Federico Fellini und Tonino Guerra), bestes Originaldrehbuch (Federico Fellini und Tonino Guerra)
1973-1974
David di Donatello – beste Regie (Federico Fellini)
1975
Oskar- Nominierung Beste Regie (Federico Fellini) und bestes Sujet und Originaldrehbuch (Federico Fellini und Tonino Guerra)
1975
Bodil Prämie (Kopenhagen) Bester europäischer Film
1974
NYFCC Prämie(New York Film Critics Circle) für den besten Film und die beste Regie (Federico Fellini)
1975
SFCC Kritiker-Prämie (Le Syndicat Français de la Critique de Cinéma) für den besten ausländischen Film
1974
Prämie Kinema Jumpo (Tokyo) für die Regie (Federico Fellini) des besten ausländischen Films

Peculiarites

«Es ist nicht die Erinnerung, die meine Filme beherrscht. Zu sagen, dass meine Filme autobiographisch sind, ist eine ungenierte Dummheit. Ich habe mein Leben selbst erfunden. Ich habe es eigens für das Kino erfunden. Bevor ich den ersten Film gedreht habe, habe ich nichts anderes getan, als mich darauf vorzubereiten groß und stark genug zu werden und mich mit der notwendigen Energie aufzuladen, um eines Tages „Aufnahme“ sagen zu können!“ Ich habe gelebt, um einen Regisseur zu entdecken und zu erschaffen: sonst nichts. Und ich kann mich an nichts anderes erinnern, obwohl man mich für jemanden hält, der sein expressives Leben in den Kaufhäusern der Erinnerung auslebt. Nichts davon ist wahr. Im Sinn der Anekdote, der Autobiographie ist in meinen Filmen nichts vorhanden. Man findet dagegen das Zeugnis einer gewissen Zeit, die ich erlebt habe. In diesem Sinn stimmt es, dass meine Filme autobiographisch sind: aber auf die gleiche Weise in der jedes Buch, jeder Vers eines Poeten, jede Farbe auf einer Leinwand autobiographisch sind.»
Federico Fellini inIl film “Amarcord” di Federico Fellini, a cura di Gianfranco Angelucci e Liliana Betti, Cappelli, Bologna, 1974, p. 95

Reviews

Tullio Kezich
Amarcord ist ein Film zum Lieben ohne Vorbehalt. Fellini profitiert von der neu eroberten Unbeschwertheit, um nach einer fast objektiven Erzählung zu streben. Indem er zu den provinziellen und spöttischen Wurzeln seines eigenen Werdegangs zurückkehrt, gewinnt der Regisseur des Films I Vitelloni skrupellos die Struktur des Witzes zurück, er strengt sich an, nicht gerührt zu sein und keine Rückschlüsse zu ziehen. Der gesamte Film trägt das Kennzeichen eines Meisters, doch einige Seiten stechen mit größerer Deutlichkeit ins Auge: ein streitiges Mittagessen im Familienkreis, eines Eduardo würdig, der Ausflug aufs Land mit dem verrückten Onkel (ein sublimer Ciccio Ingrassia), der Tanz der Studenten vor dem während der Wintersaison geschlossenen Grand Hotel, die magische nächtliche Erscheinung des Überseedampfers Rex: ein Symbol der Mythen einer dümmlichen Epoche, so prägnant, dass sie C.G. Jung gefallen hätte.
"Il mille film. Dieci anni al cinema 1967-1977", volume primo, Il Formichiere, Milano, 1977
Giovanni Grazzini
In Amarcord, was im Dialekt der Romagna eben „Ich erinnere mich“ bedeutet, zeigt Federico Fellini, dass er dem Druck der Nostalgie entkommen kann und aus den Geistern der Vergangenheit Nutzen zieht. Indem er in seine visionäre Ader ein soziologisches Bewusstsein einfließen lässt, das seit den Zeiten des Süßen Lebens verloren schien, schenkt uns Fellini ein Meisterwerk, das zusammen ein magischer und schmerzhafter Rundgang durch die Gärten der Jugend und ein äußerst nüchternes Urteil ist, trotz der grotesken Linse, der Scham, die wir hinter uns gelassen haben, der kleinlichen Wurzeln aus denen sich die Realität Italiens noch heute nährt, um dies zu einem tollpatschigen Melodram zu machen, einer komischen Tragödie, einer Rampe der Infantilität.
"Gli anni settanta in cento film", cit.
Ugo Casiraghi
Amarcord ist der einfachste, der wehrloseste und der aggressionsfreiste Film, den Fellini seit geraumer Zeit bis heute gedreht hat, und aus diesem Grund gefällt er uns. [...] Das neue Maß, das der Regisseur hier findet, hat etwas Delikates und Bescheidenes, das uns, nicht zuletzt weil man es sich nicht von ihm erwartet, schließlich erobert. Der Hexenmeister greift nicht mehr auf wortgewandte Zauber zurück, sondern auf einen magischen unterirdischen Realismus, wo die Magie die Realität vielleicht ein wenig abstumpft, sie jedoch gleichzeitig filtriert rückerstattet, mit weniger auffallenden Kehrseiten als normalerweise, die jedoch feiner und tief greifender sind.
"L'Unità", Milano, 19 dicembre 1973
Morando Morandini
Federico Fellini hat meisterhaft ein Universum an Geistern heraufbeschwört, die aus den Schubladen der Zeit ohne Heiterkeit und auch ohne Bissigkeit hervorgeholt werden, über einen letztendlich elegischen mentalen Vorgang. Die am besten gelungenen Stellen von Amarcord kreisen um Gradisca: ihre erotische Geschichte hat einen Tonfall expressionistischer Qualität auf hohem Niveau, während die abschließende Hochzeitsfeier im Freien etwas Höhnisches an sich hat, das die Eitelkeit unserer rituellen Verpflichtungen unterstreicht. Indem die Wehmut sich mit der Häme abwechselt, die übertriebene Siegessicherheit der "Fogarazze" –Freudenfeuer- und das Autorennen zum Krankenhaus und den Beerdigungen, hat Fellini ein provinzielles „Epos“ beschrieben, das nie in die Vulgarität oder ins Pathetische ausufert. Auf dem Gipfel seiner Kunst angelangt, hat Fellini gelernt rechtzeitig anzuhalten, indem er sich eines strengen und unnachsichtigen Schnittes bedient.
"Il Giorno", Milano, 19 dicembre 1973
Maurizio Del Vecchio
Rückkehr Fellinis in die Romagna. Die kleinen Ereignisse in Rimini auf dem Höhepunkt des faschistischen, triumphalen Gehabes. Die Bandbreite eines Lebens in der Vielstimmigkeit eines Werkes, das dem Besten von Fellini würdig ist (ausgezeichnet mit einem Oskar). In Zusammenarbeit mit dem romagnolischen Schriftsteller und Poeten Tonino Guerra an der Inszenierung wird ein Umzug erschaffen, der dermaßen reich an Antlitzen und Orten, Unterhaltungen und Feinheiten, Schwermut und Suggestionen ist, dass der Film vom Publikum der ganzen Welt geschätzt wird. Alles ist rekonstruiert und wahrer denn je. Amarcord in den Tonfällen einer mit Schwermut durchsetzten Komödie destilliert Launen und Gefühle mit kinematographischer Großmut . Ist der Film der Erinnerung oder der Politik gewidmet? Ist er kritisch oder nostalgisch? In seinen verfälschenden Interviews hat Fellini von einem leblosen sozialen Zustand, kultureller Armut und ideologischer Beschränktheit gesprochen, die uns der Faschismus beschert hat. Im Film ist dies teilweise erkennbar, doch scheint uns, dass das Ergebnis der ungreifbaren Subtanz angehört, die nur die Poesie erfasst. Diese strampelnden Figuren sind nicht nur das Ergebnis und die Darstellung eines besonderen historischen Moments, sondern auch die Zeitlosigkeit einer menschlichen Bedingung, die weder die Diktaturen noch der Fortschritt jemals radikal ändern können, wenn man die gebührenden Vergleiche anstellt.
in Fernaldo Di Giammatteo, Nuovo dizionario del cinema, I film A-L, Editori Riuniti, 1984